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Algorithmen: Das Wahrsagen der Zukunft?

Wir leben in einem Zeitalter der Selbstbestimmung – zumindest könnten wir das annehmen. Frei von den strengen gesellschaftlichen und religiösen Konventionen der letzten Jahrhunderte haben wir in der westlichen Welt derzeit die freie (Aus-)Wahl, wo wir leben, wen wir lieben, wen wir wählen oder was wir für richtig halten. Kurzum: Wir sind frei, unsere Gegenwart und Zukunft ganz nach unserem Gusto zu gestalten. Doch ist das wirklich so? Sind wir tatsächlich frei in dem, was wir wollen und uns wünschen? Ein anderer Blick auf das digitale Zeitalter gibt einen unbehaglichen Ausblick: Unsere Umwelt und wir selbst werden massiv beeinflusst von Programmen, die auf mathematischen Berechnungen, Wahrscheinlichkeiten und Anweisungen basieren, nämlich auf sogenannten Algorithmen.

Digitale Wahrsager von Morgen

Möchte jemand seine Zukunft kennen und steht der Esoterik offen gegenüber, so kann er beispielsweise auf Portalen wie Questico durch Tarot-Kartenlegen etwas darüber erfahren, wie es im Beruf, in der Beziehung oder in anderen Lebensbereichen weitergeht. Doch in der digitalen Welt gibt es schon längst andere „Wahrsager“, die Ereignisse antizipieren, errechnen, auswerten und steuern können. Durch bestimmte Algorithmen, d. h. durch mathematische Anweisungen, können Programme mittlerweile mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit bestimmte Dinge vorhersagen, z. B. ob wir Computer A, B oder C kaufen werden, welche Nachrichten uns besonders interessieren, welchen Musikgeschmack wir haben und ob es sich lohnt, uns Werbung für bestimmte Produkte zuzuschicken.


Wir bewegen uns im Netz und hinterlassen dabei digitale Fußabdrücke, aus denen die richtige Software ein komplettes digitales Profil von uns erstellen kann, das man nur schwer wieder loswird. Die Konsequenz: Wir bekommen das präsentiert und angeboten, was uns scheinbar interessiert, alles andere wird herausgefiltert. Eigentlich klingt die Idee nicht schlecht, denn sie erinnert ein wenig an die Erstellung von Wetterprognosen: Man füttert einen Computer mit jeder Menge Wetterdaten vom selben und klimatisch ähnlichen Orten aus allen Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnung, um ziemlich genaue Vorhersagen zu erhalten, wie das Wetter an diesem Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt sein wird.

Die dunkle Seite der Vorhersagen

Diese Möglichkeiten des digitalen Zeitalters haben jedoch auch ihre negativen Auswirkungen, denn die Frage ist immer: Wem nützen sie? Schaffen sie einen Vorteil für den Verbraucher? Bekommt er tatsächlich das, wonach er sucht? Oder wird uns durch maßgeschneiderte Angebote überhaupt erst eingetrichtert, was wir mögen? Steht dahinter wirklich der Wunsch, Menschen die interessanteste Auswahl anzubieten oder lediglich Profitgier?

Ein noch größeres Risiko ist, dass Menschen Algorithmen auch zu Manipulationszwecken benutzen können. Mit dem Einsatz von Algorithmen lassen sich gesellschaftliche Trends und Entwicklungen frühzeitig erkennen, sodass man sie bewusst verstärken oder ihnen entgegenwirken kann – indem man an den richtigen Schrauben dreht. Jüngstes Beispiel hierfür sind die US-Wahlen von 2016, in deren Zusammenhang Russland beschuldigt wurde, durch gezielte Falschmeldungen, Leaks und Meinungsmache den Wahlausgang zugunsten des jetzigen Präsidenten Donald Trump beeinflusst zu haben. (mawi 02/18)